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Kulturzirkus Meinungen, Trends und Einflüsse.

06

Jul
2014

Wo Köln schön krumm klingt

On 06, Jul 2014 | Keine Kommentare | in Kulturzirkus, LATEST NEWS, Musik | von SecMag

‚Es sind Orte, wie dieser, an denen eine Stadt zum Leben erwacht. Orte, an denen Menschen, die sonst Tag für Tag wortlos auf der Straße aneinander vorbeigehen, aufeinandertreffen und im gemeinsamen Erlebnis zueinanderfinden.‘ …this is Cologne

VON FELIX J GROSSER

Langsam füllt sich die Kneipe am Gottesweg, wo der Sülz-Klettenberger Grenzstreifen sich mit dunkelrotbraunen Backsteinfassaden unterm Blätterdach der Platanen noch einmal malerisch zeigt, bevor hinter dem Bahndamm die Zollstocker Gewerbebrache beginnt. Einige Musiker sitzen noch zu Tisch, andere stimmen bereits ihre Instrumente. Erst zaghaft und testweise tastend, dann immer selbstbewusster raumgreifend, versetzen erste Klänge die Luft in Schwingung. Eine halbe Stunde später schlagen wilde Blechsoli Kapriolen über Snare Rolls und ich muss mir Mühe geben, meinen Gesprächspartner zu verstehen.

PantheonBanner„Das ist schon ein Veedelsding. Leute aus Ehrenfeld oder Nippes siehst du hier eher nicht“, sagt Patrick Becker, hauptberuflich Schreiner, in seiner Freizeit einer der beiden Köpfe und so etwas wie die gute Seele hinter Real Live Jazz, der allsonntäglichen Konzertreihe im ABS. Er kümmert sich um Organisatorisches, betreut die Musiker, lässt in der Pause den Hut rumgehen und sorgt für einen reibungslosen Ablauf. Das ist viel Arbeit, doch Becker, der schon zu Schulzeiten Konzerte organisierte, liebt die Musik. Und der Erfolg gibt ihm recht. Es hat sich rumgesprochen, dass hier seit viereinhalb Jahren höchst qualitativer Sound zum Nulltarif geboten wird. Und so pilgern im Schnitt jede Woche 50 Jazzbegeisterte in die rein optisch so gar nicht heiligen Hallen am Gottesweg.

©Constanze von Kitzing

©Constanze von Kitzing

An besonders guten Tagen auch mal an die 200. „Es brummte hier schon wie Jeck.“, so Patrick Becker. „Das Publikum kommt wegen des Jazz. Quasseltypen gibt es nur selten.“ Kein Wunder, denn das Booking liegt in den Händen von Riaz Khabirpour. Kennern wohlbekannt als Gitarrist, Komponist und eminenter Vertreter einer aufstrebenden neuen Generation von Musikern, die Köln den Ruf der heimlichen Hauptstadt des jungen deutschen Jazz eingebracht hat. Im Laufe seiner Musikhochschulausbildung in Amsterdam, New York und Köln in unzählige musikalische Kollaborationen involviert, schöpft Khabirpour für Real Live Jazz aus dem Vollen. Und so liest sich das Programm dann auch wie ein Who is Who der lokalen Szene, garniert mit erstklassigen internationalen Einsprengseln. Namen wie Pablo Held, Paul Wiltgen, Marshall Gilkes, Oliver Lutz, Tylor Blanton, Matthias Akeo Nowak und Brian Seeger sprechen eine deutliche Sprache – dabei ist diese Liste nur ein winziger Auszug aus dem Gig-Archiv.

‚Eigentlich auch höchste Zeit in einer Stadt, in der die Nischenbiotope für unabhängige Frequenzen, zwischen der Deutungsmacht der öffentliche-rechtlichen Giganten einerseits und der Beliebigkeit der privaten Jingleabfeuermaschinerie andererseits, noch vergleichsweise spärlich besiedelt sind.‘

Was nicht heißt, dass bei Real Live Jazz nur auf die Bühne kommt, wer bereits in die Oberliga aufgestiegen ist. Ganz im Gegenteil: Spielwütige jeglicher Coleur sind herzlich eingeladen, sich mit klingenden Kostproben zu bewerben, sofern sie nicht über Gebühr den stilistischen Rahmen strapazieren, der von Becker mit: „Definitiv Modern Jazz, zeitgenössisch; eher straight“ umschrieben wird. Eine dicke Gage gibt’s zwar nicht zu erwarten, dafür sind allen, neben der ungeteilten Aufmerksamkeit des Publikums, Speis und Trank à la carte sicher. Sowie der mitunter gar nicht so geringe Ertrag aus der Publikumskollekte im sprichwörtlichen Hut. Ein Blick ins prall gefüllte Halbjahresprogramm beweist: für viele Künstler ausreichender Anreiz, am Sonntagabend das Rampenlicht dem Sofa vorzuziehen.

Und in Zukunft? Weiter wie bisher. Zum Glück.  –  Livemusik im Bar-Ambiente, organisiert ohne dicke Sponsorengelder, dafür mit umso mehr Herzblut. Für Musiker Öffentlichkeit ohne Pay to Play-Abzocke und für Zuhörer die Möglichkeit Neues zu entdecken, ohne finanziell in Vorleistung gehen zu müssen.

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Es sind Orte, wie dieser, an denen eine Stadt zum Leben erwacht. Orte, an denen Menschen, die sonst Tag für Tag wortlos auf der Straße aneinander vorbeigehen, aufeinandertreffen und im gemeinsamen Erlebnis zueinanderfinden – ohne im Nachhinein vom schlechten Gefühl beschlichen zu werden, nur den kommerziellen Interessen anderer gedient zu haben. Orte auch, ohne die eine lokale Musikkultur im Keim erstickt, da für die Aktiven die Möglichkeit, ihre Kreativität nach Außen zu tragen, sich auszuprobieren, ein Publikum zu finden zur Einkommensfrage wird. Bedauernswert, dass man bisweilen den Eindruck gewinnt, wo der deutsche Großstadtdschungel unter Einheitsbrei einbetoniert wird, verschwände diese magischen Räume gleich einer aussterbenden Spezies.Dabei wissen Becker und Khabirpour genau, dass Bestandswahrung alleine nicht trägt. Wo andere sich auf dem Erreichten ausruhen, blicken sie nach vorne und scheuen – ganz Jazz-like – vor Experimenten nicht zurück. Real Live Jazz will im Laufe dieses Jahres mit Jazz-Livestreams aus Köln  starten. Was nach Zukunftsmusik klingt, ist in Wahrheit längst ausgeheckt. „Es könnte von heute auf morgen passieren“, meint Patrick Becker und kann sich ein verschmitztes Lächeln nicht verkneifen. Mit „The Nightfly“, der Jazzsendung des fabelhaften Kölner Studioradios KölnCampus ist bereits ein kompetenter Partner fürs redaktionelle und technische mit an Bord.

„Es bleibt also spannend.“, denke ich, als ich Richtung Luxemburger Straße schlendere und hinter mir die letzte Blue Note verhallt.

Kontakt: Real Live Jazz

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