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12

Jun
2015

Wo bleibt die neue Avantgarde?

Wahrscheinlich ist es den meisten herzlich gleichgültig – so lange man im Büro nicht raucht. Oder unter einem Heizpilz steht. Oder im Theater sein Handy eingeschaltet lässt. Oder einen Billigflieger nutzt. Oder in der Bahn Bier trinkt. Oder im Park grillt. Oder, oder, oder.

Die sich einschleichende neue Bourgeoisie hat sich in Stadträte und Ausschüssen breitgemacht. Bevormundung und Genderisierung mit der faktischen Zerstörung unserer Identitäten sind die Folge.

Die Bourgeoisie überzieht alles, was nicht den Lebensstil-Vorstellungen ihrer Wählerschaft entspricht, mit teils abstrusen Verbotsforderungen. Es reicht nicht mehr, mit Überzeugung und dem Jutebeutel in der Hand voranzugehen, mit einer Plastiktüten-Steuer sollen auch alle anderen dazu erzogen werden. Und falls das nichts nütze, müsse man Plastiktüten halt verbieten.

Irrsinnige Tempolimits, fürstliche Parkgebühren, Rückbau der Ausfallstraßen, Nahverkehrskosten im Luxussegment, völlig unnötige Parkplatznot, autofreie Siedlungen deren Fahrzeuge massenhaft in der Anwohnerschaft parken. Das Prinzip Hoffnung führt ins Chaos und wird mit Verboten statt Konzepten belohnt.

Bis in die Küche möchte man mitbestimmen: Vor zwei Jahren forderte man ein “Fleischverbot” einmal die Woche für Schulen und Kindergärten. Im vergangenen Sommer legte man mit der Forderung nach einem bundesweiten Limonade-Verbot an Schulen nach. Früher sei das schließlich auch kein Problem gewesen: Nur sonntags Braten auf den Tisch, montags dann Suppe mit den Resten. Wer ein Ernährungs- programm verordnen will, hat natürlich kein Problem mit der Forderung die 1. Klasse in der Bahn abzuschaffen.

Die Nichtraucherschutz-Debatte ist ein Sinnbild für die Umerziehung durch autoritäre Moralisten, die mit ideologischer Verbissenheit der Gesellschaft ein Lebensstil aufzwingen möchten.

Es ist ein etwas eigenartiges Menschenbild, das die heutige Bourgeoisie ihrem politischen Handeln zugrunde legt. Ganz offenbar halten sie den Staatsbürger für eine Art leicht zurückgebliebenen Pflegefall, der nicht für sich selbst sorgen kann und daher einer mütterlich-strengen Obrigkeit bedarf, die ihn stets auf den Weg der Tugend zurückführt.

Auf jedes gesellschaftliche Problem mit der gedanklich schlichten Forderung „einsperren, verbieten, Polizei holen“ zu reagieren, war früher zweifelhaftes Privileg jenes eher unlockeren und provinziellen Kleinbürgertums, das sich für die angeblichen Ungerechtigkeiten der Welt gern mit einer Stimme für die Republikaner revanchierte.

Heute scheint in der neuen Bürgerschaft eine ganz ähnliche Mentalität vorzuherrschen: Was uns nicht gefällt, soll einfach verboten werden. Da sind sich der Stammtisch im ländlichen CDU-Milieu und die vegane Kantine der Grünen erstaunlich einig. Wo die Menschlichkeit bleibt, ist hier nicht die Frage.

Bild: ADRIAN BORDA – Life is a Dance in the Rain/Fotostock

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