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06

Jan
2014

Jürgen Becker – Über die Freude am Lernen

On 06, Jan 2014 | Keine Kommentare | in LATEST NEWS, Szene, Temperamente | von SecMag

Bildung muss bis Dienstag warten – Gnadenlos, engagiert und kein Blatt vor dem Mund – Jürgen Becker über die Bildung und Defizite in der menschlichen Auffassungsgabe. Nicht jeder braucht Abitur um sich ausleben zu können.

seconds: Herr Becker, wir beschäftigen uns in der Februar-Ausgabe mit dem Thema Bildung und sind immer wieder erstaunt, wie viele Aspekte dazu gehören. Durch Ihre Programme, die sich mit essentiellen Fragen wie Geschichte, den Religionen oder Kunst beschäftigen, nicht zuletzt durch den “dritten Bildungsweg“ sind Sie zum Bildungsexperten in Köln avanciert. Vielleicht nicht in den Augen der offiziellen Bildungshüter, aber eben in unseren. Wir fangen einfach mal von vorne an und fragen:

seconds: Was ist Bildung überhaupt? (Jeder kennt den Begriff und jeder versteht etwas anderes darunter. Ganz oben auf der Liste steht meistens Wissen. Aber was ist der Kern?)

JB: „Bildung“ kann ganz profan sein, z.B. eine Hörbuch CD von Dietrich Schwanitz. „Bildung – Alles was man wissen muss“: 12 CDs, 850 Minuten geistiges Marschgepäck für den nächsten Stau oder die lange Zugfahrt. Kostet nur 29,95. Wenn man das zehn Mal hört, hat man wahrscheinlich mehr in der Birne als Rainer Brüderle. Gut, das ist kein Kunststück.

seconds: Was macht einen gebildeten Menschen aus…? (…sieht man einmal von denen ab, die so tun als ob, weil sie die Spielregeln kennen… )

JB: Meiner Meinung nach erkennt man einen gebildeten Menschen nicht am Abitur, sondern am Blick. Ein wacher, offener und neugieriger Blick macht einen schlauen Menschen aus.

seconds:…und welche Rolle spielen dabei Vorbilder?

JB: In der Schule war es verboten: Abgucken. Dabei ist Abgucken das Allerbeste. Von Vorbildern abgucken. Die eigene Leistung besteht ja schon darin, die richtigen Vorbilder zu finden.

seconds: Was hat es mit der Bildung der Persönlichkeit auf sich, der sozialen Kompetenz, der Neugierde, Dinge zu hinterfragen, Zusammenhänge zu entdecken?

JB: Genau das macht den Menschen aus. Der Hirnforscher Gerald Hütter beschreibt in seiner „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“, wie es dazu kam. Der Wurm hatte ein Gehirn mit drei Schaltungen: Fressen, Fliehen und Ficken. Mit diesen drei Schaltungen konnte er bereits so intelligent denken, dass er sich damit einen Lebensraum erschloss, wo alles wie Milch und Honig fl oss. Er ist in einen Darm reingekrochen und hat sich dann irgendwann in der Darmwand festgehakt und das Gehirn wieder abgeschafft. Dort musste er nicht denken, es kam ja alles von selbst. Vorgekostet, vorgekocht und vorverdaut. Der Bandwurm hat kein Gehirn. Fast alle Tiere fanden eine solche Nische, in der man bequem und gefahrlos überleben kann. Dem Menschen aber ist es nicht gelungen, sich so zu spezialisieren, wir haben den Kampf um die angenehmsten Plätze der Evolution verloren. Folge: Wir können von allem etwas, aber nichts richtig. Nicht besonders gut rennen, nicht gut schwimmen, nicht fliegen. Wir sind Allrounder, und dafür braucht man ein besonders großes Gehirn mit genau den Eigenschaften Ihrer Frage: Zusammenhänge entdecken, Dinge hinterfragen, soziale Kompetenz und Neugier.

seconds: Was hat Humor mit Bildung zu tun? Über was darf man lachen – über was nicht?

JB: Auch der Humor gehört zur Serienausstattung des nicht spezialisierten Menschen. Lachen ist ja immer eine Fehlinformation ans Gehirn. Die Torte im Gesicht erzeugt das Lachen, weil sie dort falsch platziert ist. Oder ein Witz: Ein Vampir fährt alleine auf dem Tandem. Die Polizei fragt: „Haben sie was getrunken?“ Der Vampir antwortet “Ja – zwei Radler!“ Haben sie gelacht? Wenn ja, warum? Das Gehirn kann die zwei Bedeutungsebenen des Wortes „Radler“ nicht sofort richtig einordnen. Es spürt, da stimmt was nicht und überlegt: „Soll ich fliehen?“ Nein. „Soll ich angreifen?“ Nein. Also baut es die Spannung ab ins Zwerchfell. Man lacht und benutzt dabei 80 Muskeln, auch den Schließmuskel. Wir kennen den Terminus: „Bepisst vor Lachen!“ Insofern ist Humor der Humus der Bildung. Das Gehirn trainiert ständig, Richtiges vom Falschen zu unterscheiden und die Lachmuskeln sind der Turbo des Blutkreislaufs. Ein guter Pädagoge hat immer auch Humor und Satire darf bekanntlich alles.

seconds: Die Gretchenfrage: welche Rolle spielt Religion, religiöse Erziehung – was ist Ihnen heilig?

JB: Religion ist eine Erscheinungsform des Humors.Beide versuchen, die Dinge anders zu sehen, als es die vordergründige Vernunft nahelegt. Die Torte im Gesicht ist in der Religion der Tote, der wieder aufsteht. Eine Jungfrau bekommt ein Kind, aus Wasser wird Wein – das nennt man heute Schorle. Das Spiel mit dem vermeintlich Falschen schafft Distanz zum Problem. Letztlich ist Humor und Religion der Wunsch, die Dinge aus der Distanz, also von oben zu betrachten.

seconds: Eine Ihrer Sendungen heißt „Der dritte Bildungsweg“. Warum braucht man denn so viele oder warum klappt es mit dem ersten oft so schlecht? Sie engagieren sich Hauptschulen. War das eine spontane Idee und wie hat sich das Ganze entwickelt? Was hat Sie am meisten überrascht?

JB: Das hat sich über ein Leseprojekt entwickelt. Überrascht hat mich, dass auch diese Schüler oft sehr talentiert und hochbegabt sind, allerdings oft im praktischen Bereich. Wenn man mit ihnen z.B. große Karnevalswagen baut und konstruiert, Eisen sägt, Platten verschraubt, Kostüme näht, dann motiviert sie das auch zum Berechnen der Fläche. Also ähnlich, wie es mir auch erging. Erst die Praxis macht Appetit auf die Theorie. Und dann natürlich am Ende das Happening, hoch oben auf dem Wagen im Karnevalszug Teil einer großen Sache zu sein.

seconds: Haben Sie an den Schulen eine Atmosphäre erlebt, in der Bildung Spaß machen kann?

JB: Leider nicht. Die Lehrer leiden unter der Last, die großen Defizite der Elternhäuser aufzufangen. Der Montag geht oft allein dafür drauf, die Schüler wieder in die Spur zu bringen. Bildung muss bis Dienstag warten.

seconds: Was kann man tun, um Kindern und Jugendlichen Vertrauen in und Spaß an der eigenen Kreativität, den eigenen Fähigkeiten zu vermitteln,
auch wenn Elternhaus und Schule sie nicht fördern?

JB: Vielleicht sollten wir uns weniger an den Defiziten und mehr an den Stärken orientieren. Wenn ein Kind kein Talent in Mathe hat, lassen wir es doch damit in Ruhe. Die vier Grundrechenarten reichen aus. Fördern wir es lieber dort, wo es gut ist. Jeder hat Talente und wir müssen sie finden! Denn es ist ja auch nicht schlimm. Wenn ein Kind kein Talent in Mathe hat – ja und? Dann kann es immer noch was bei der Bank werden.

seconds: Und zum guten Schluss: Was braucht man für eine gebildete Gesellschaft?

JB: Das Bewusstsein, dass Bildung alle angeht. In den sogenannten bildungsfernen Schichten werden die vielen Kinder geboren, während jede dritte Akademikerin kinderlos bleibt. Jetzt, wo sich die gebildeten Schichten mit der Fortpflanzung so zurückhalten,hängt die Zukunft unseres Landes davon ab, wie viele es von den Hauptschulen an die Universitäten schaffen. Denn kaum ein Kind ist dumm, es kommt auf die Förderung an. Eine Lehrerin wollte es wissen und stellte sich vor Ihre Klasse: „Wer von Euch hält sich selbst für dumm? Der soll aufstehen!“ Alle blieben sitzen. „Da sehen wir es doch!“ meinte sie
zufrieden. Dann erhob sich aber doch ein kleines schüchternes Mädchen und die Lehrerin fragte es: „Du hältst Dich selbst für dumm?“ „Nein“, meinte das Mädchen, „aber ich wollte nicht, dass sie so alleine da stehen!“

seconds: Wir bedanken uns sehr herzlich für Ihre Antworten und die andere Sicht der Dinge!

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