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LATEST NEWS Nachrichten, Essays und Geschichten

19

Apr
2014

Adrian Ils| Interview | Kunst & Kultur

On 19, Apr 2014 | Keine Kommentare | in LATEST NEWS, Musik, Szene, Temperamente | von SecMag

Für einen Dollar Krach und Wonne

Adrian Ils im Interview VON FELIX J. GROSEER – Wer eines der bestgehütetsten musikalischen Geheimnisse der Domstadt lüften will, muss erstmal raus auf’s Land. Nach Bergheim um genau zu sein. Dort residiert in einem wunderschön restaurierten Bauernhof Adrian Ils.

Seines Zeichens musikalischer Tausendsassa, sprachgewitzter Liedtextdichter und Mastermind einer musikalischen Interessengemeinschaft, die Zeit ihres über 25jährigen Bestehens zwar nur vier Alben veröffentlichte, aber trotzdem den Beweis antrat, dass Kölner Klänge jenseits von Alaaf und Kölschrock nicht nur nötig, sondern auch möglich sind. 1988 als Ballhaus gegründet, 1995 aufgelöst und nach einer Runde auf dem Personalkarusell 1996 als Ballhaus Nuevo wiederbelebt, legte die illustre Truppe stets eine bewundernswerte Geringschätzung für musikalische Stilgrenzen an den Tag und erfreute das geneigte Publikum zwischen Rhein und (fast) Mississippi mit einer gewagten Mixtur nur scheinbar disparater Elemente. Vom Chanson, über das klassische Kunstlied, zu den diversen Gegenständen ethnomusikologischer Untersuchungen; von Kurt Weill über die Liedermacher zu Tom Waits steckte man einen Klangkosmos ab, schmückte ihn unter Zuhilfenahme eines nicht unwesentlichen Teils der im Zuge der Menschheitsgeschichte erdachten Klangerzeuger instrumental aus und garnierte die bunte Wundertüte obenauf mit gänzlich untypisch platitüdenfreien, eigen- bis hintersinnigen deutschen Texten.

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Weit gefehlt, wer angesichts einer solchen Opulenz Indigestion fürchtet. Zwei Preise der deutschen Schallplattenkritik nebst einer weiteren Nominierung für selbigen beweisen das Gegenteil: dieser tollkühne Plan ging auf. Musikalisch zumindest, denn der große kommerzielle Erfolg blieb aus. Und verfing zwar das immerhin nicht ganz unschmeichelhaften Prädikat des Geheimtipps, es wurde in den letzten Jahren jedoch zunehmend ruhiger um die Gruppe. Zuletzt wandelte Adrian Ils‘ 2005 veröffentlichungstechnisch auf Solopfaden, nahm im Homestudio in der Scheune des Bergheimer Domizils den Tonträger „Liebe, Tod und Heimarbeit“ auf. Der Name Ballhaus erschien erst im Jahr 2011 plötzlich, sporadisch aber regelmäßig, wieder auf Konzertankündigungen. Und wer den Aufrufen folgte, wusste nicht selten wundersames zu berichten. So auch im September letzten Jahres, als Ballhaus im Rahmen der Köln Musiknacht den Klaus-Von-Bismarck-Saal des WDR-Funkhauses füllten und das begeistertes Publikum mit neuem Repertoire beglückten.
Höchste Zeit also, dem Maestro persönlich einen Besuch abzustatten und in Erfahrung zu bringen ob da was im Busch ist.

Das Interview:

Adrian, wie kam es eigentlich dazu, dass ihr wieder unter dem Namen Ballhaus unterwegs seid?

Dass es die Gruppe jetzt unter dem Namen Ballhaus wieder gibt, ist dem Umstand geschuldet, dass von Aussen sozusagen das Bedürfnis an uns herangetragen wurde: Ja, wie heisst ihr denn eigentlich? So dass dann gar nicht von mir als dem ehemaligen Gründer, sondern eigentlich von meinen Kollegen schließlich die Überlegung kam, wieder den uralten Namen Ballhaus zu nehmen. Der ist so schön neutral, da kann man alles mögliche drunter machen. Und um mit der ersten Inkarnation der Gruppe verwechselt zu werden ist es jetzt auch schon zu lange her. Also konnten auch auf das Nuevo, dass wir vorher im Namen hatten wieder verzichten. Dass das überhaupt wieder in Gang gekommen ist, lag übrigens interessanterweise an den Gewerkschaften.

Ach tatsächlich? Das musst du jetzt mal erklären.

Der DGB hat 2009 zu seinen 60. Geburtstag eine große Gala-Matinee in der Comedia ausgerichtet. Und, warum auch immer, unseren Bassisten gebeten, sich um ein musikalisches Begleitprogramm zu kümmern. Nur hatte der jetzt überhaupt keine Ahnung von DGB, Arbeiterbewegung und dem kuturellen Hintergrund, den man damit verbindet. Da hat er mich gefragt, der ich um einiges älter bin, und dann haben wir eben zusammen ein Programm gemacht. Auch mit Verena Guido, die ein weiteres sehr wichtiges Mitglied bei Ballhaus ist. Allerdings damals noch unter unseren Klarnamen.

Oha. Was macht man denn für den DGB so an musikalischem Programm?

Das war eine heikle Aufgabe! Als wir die gefragt haben, wie sie sich das vorstellen, kamen sie tatsächlich mit so einem kleinen Heftchen. Da stand drauf „Kampflieder der Arbeiterklasse“ und es ging los mit der Internationalen, dem „Einheitsfrontlied“, dem „Solidaritätslied“ und so weiter. Was macht man denn damit ohne rot zu werden – im doppelten Sinne?! Andererseits wollten wir das auch nicht einfach denunzieren. Bestimme Lieder haben ihre Funktion und wenn man die Texte liest – sozusagen vorurteilsfrei, was schwierig ist – dann haben die auch teilweise Qualität. Das ist nunmal beispielsweise auch Brecht. Und Brecht hat Qualität, was immer der gemacht hat. Aber da völlig ernsthaft so einen Arbeitermarsch zu produzieren, das war unmöglich. Also haben wir das Einheitsfrontlied, das ja nunmal wirklich genau so ein klassischer Arbeitermarsch ist, – wo man eben drauf marschiert – einfach im Dreiviertel-Rythmus gespielt. Gesungen mit der Haltung eines Penners unter der Brücke nach anderthalb Flaschen Whiskey. Im Sinne von: Es ist eben alles schief gegangen, der ganze Heroismus, der ist völlig unangebracht. Aus der Internationalen haben wir ein reines Streichquartett gemacht, vom Text aber nur übrig gelassen: „Wacht auf!“ Es war ja morgens um elf und der durchschnittliche Gewerkschaftsfunktionär konnte das gebrauchen. Na ja, und so weiter. Wir hatten doch so gewisse Befürchtungen, ob die das goutieren. Doch das Resultat: die waren total begeistert! Und es hat sich dann eine ganze Reihe von Nachfolgeauftritten daraus entwickelt. So hat sich eigentlich überhaupt erst wieder eine gewisse Kontinuität im Auftreten eingestellt. Und ich hab wieder angefangen, neue Texte, neue Lieder zu schreibe. So ist das ins Rollen gekommen.

 

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Foto©Stefan Döring

Und vorher lag Ballhaus auf Eis?

Das lag ziemlich auf Eis. Ein Grund dafür war, dass ich 2003 schwer krank geworden bin und mich erstmal um mich selbst kümmern musste. Das hört man auch ein bisschen auf meiner Solo-CD. Da gibt es ein paar Stücke, die sich damit beschäftigen. Live aufgetreten bin damit dann zwar unter meinem Namen, allerdings schon mit dem ehemaligen Ballhaus Nuevo Personal, dass jetzt auch wieder dabei ist.

Also gab es schon eine gewisse Kontinuität?

Jaja, wir haben uns nie aus den Augen verloren. Es gab immer wieder Berührungspunkte. Das ist ja so ein etwas merkwürdiges Gebilde. Der Kern von Ballhaus Nuevo und jetzt wieder Ballhaus das sind im Grunde drei Leute. Ich als Gründer der ganzen Geschichte, Verena Guido und Bernd Keul, der Bassist. Drum herum gibt es eine Reihe von Musikern und Musikerinnen, die wir einbauen oder auch nicht. Je nachdem, wie groß die Geschichte ist. Wir spielen als Gruppe Konzerte, wenn auch selten. Wir arbeiten aber auch in anderen Zusammenhängen, im Grunde mit dem selben Personal. Wir haben zum Beispiel Hörspielmusiken oder auch viel Theatermusik zusammen gemacht. Da haben wir hauptsächlich unser Geld mit verdient. Von Ballhaus haben wir nie leben können, keiner von uns. Das heißt, wir mussten sowieso immer andere Sachen machen.

Gibt’s trotzdem Pläne für eine neues Album?

Ja, wir sind im Moment wieder so ein bisschen am Überlegen, ob wir nochmal eine CD machen. Es ist mittlerweile einiges an Material zusammengekommen und der Auftritt letzten September im Rahmen der Kölner Musiknacht hat uns Auftrieb gegeben. Der Saal im Funkhaus war voll und die Leute waren ziemlich begeistert. Insofern hätte ich schon Lust dazu. Man darf sich nur nichts vormachen: unsere bisherigen CDs konnte man unter wirtschaftlichem Gesichtspunkten alle vergessen. Immer. Das ist einfach nichts, was sich massenhaft verkauft, ganz klar. Wenn wir da Plus Minus Null bei rauskommen ist das gut. Aber irgendwie, das haptische, was in der Hand zu halten, die Entwicklung der letzten paar Jahre auch mal dokumentiert zu haben… Und wenn man Veranstalter, Radios und so weiter fragt, wollen natürlich viele immer noch eine CD haben.
Ich hab mich schon mit einem Labelchef hier in Köln getroffen, der auch interessiert wäre, das zu veröffentlichen. Also im Grunde suchen wir eine , wann wir alle zusammen Zeit haben, das zusammen zu machen. Wir werden dafür aber wahrscheinlich nicht mehr in ein professionelles Studio gehen, sondern in unserem Proberaum aufnehmen, wo mittlerweile genug technisches Equipment rumsteht. Wie ja sowieso eigentlich das, was an Energie einzufangen ist, sich besser einfangen lässt, wenn die grundlegenden Sachen wirklich live eingespielt werden. Dann kann man immer noch Spuren hinzufügen. Aber diese Frickelei, eine Spur nach der anderen, und erst das Schlagzeug, das wir ja nicht mehr haben…

Ihr habt gar kein Schlagzeug mehr?

Das ist draussen. Wenn Perkussion gebraucht wird, machen wir die selbst. Das ist ein Vorteil von dieser Gruppe: das Personal ist, sagen wir mal, „begabt“.

Stimmt, Multiinstrumentalisten seid ihr alle.

Genau. Wir spielen alle eine ganze Reihe von Instrumenten. Mein Hauptinstrument war lange Akkordeon. Aber auch die normale klassische Gitarre. Am akademischsten habe ich Geige gelernt. Na ja, und Tasten, alle möglichen Tasten. Ausserdem Perkussion, Blues Harp, peruanische Bassflöten, jede Menge so Weltmusikinstrumente. Dadurch können wir auch mit sehr unterschiedlichen Klangbildern arbeiten. Wobei sich jetzt im Moment ein Klangbild doch deutlich verfestigt hat. Was mit der Tatsache zusammenhängt, dass ich mich vor zwei Jahren in ein neues Instrument verliebt habe. Nämliche eine Guitarra Portuguesa. Das zieht sich sowieso so durch mein musikalisches Leben, dass ich immer wieder mal ein neues Instrument für mich entdeckt habe. Es hat mich nie interessiert, jetzt auf einem Instrument wahnsinnig virtuos zu werden, sondern mich hat wirklich von Kindheit an die Bandbreite an Instrumenten fasziniert; und was man mit denen so anstellen kann. So dass ich auch in meinem fortgeschrittenen Alter nicht davor gefeiht bin, plötzlich über ein Instrument zu stolpern und zu denken: Wow, das haut rein, damit möchte ich mich jetzt beschäftigen! So ist es mir mit dieser portugiesischen Gitarre gegangen.

Portugiesische Gitarre? Da muss ich jetzt passen. Kannst du etwas mehr dazu sagen?

Die portugiesische Gitarre kommt ausserhalb Portugals eigentlich kaum vor. Die gibt’s im Fado, also der Tango-Form Portugals quasi. Da spielt sie eine sehr herausgehobene Rolle. Das ist hochvirtuos, unglaublichste Sachen. Würd ich überhaupt nicht versuchen, das kopieren zu wollen.
Ich bin im Arte Paco, einem kleinen Laden in der Lübecker Straße darüber gestolpert. Der Besitzer ist Portugiese und hat einfach, sozusagen als Testballon, mal eine ganz billige ins Schaufenster gestellt. Ich war neugierig. Also bin ich rein, hab das Ding in die Hand genommen, einmal Schrumm gemacht – und schon wollte ich es haben! Wobei man das wirklich nochmal komplett neu lernen muss. Das nützt einem überhaupt nichts, wenn man die herkömmliche Gitarre spielen kann, weil die portugiesische komplett anders gestimmt ist. Aber wenn ich mal Blut geleckt habe, dann kann ich mich stundenlang mit sowas beschäftigen. Und so hab ich es mir eben selbst beigebracht. Ich spiele jetzt allerdings in einem völlig anderen Stil als die Portuiesen. Die spielen mit zwei Fingern, Daumen und Zeigefinger, ich mit vier Fingern. Es ist aber auch gar nicht mein Interesse, zu lernen, wie man auf die klassische Art spielt. Ich find’s einfach spannend, was sich aus so einem Instrument herausholen lässt. Später bin ich dann nach Portugal, um mir eine richtig gute zu kaufen. Da waren die Augen teilweise groß, was der dahergelaufene Deutsche aus diesem Instrument macht.

Wirkt sich das auf deine aktuellen Kompositionen aus?

Absolut. Zunächst mal haben sich die Dopamine, die diese Entdeckung für mich freigesetzt hat, insofern bemerkbar gemacht, dass ich rund um dieses Instrument neue Ideen, nicht nur für Instrumentalstücke, sondern auch Lieder hatte. Es entstanden dann Texte und so. Aber es wird eben doch alles sehr prominent getragen von dem charakteristischen Klang der Guitarra Portuguesa, um den die andere Instrumentation sich dann herum gruppiert. Ja, im Moment ist das sehr guitarra-portuguesa-lastig – und ich bin schuld! Aber die anderen machen da gerne mit, die fanden das auch sehr faszinierend.

Wurde das auch schon live getestet?

Jaja, Im September letzten Jahres waren wir ja bei der Kölner Musiknacht dabei. Bei unserem Konzert im WDR-Funkhaus habe ich zu 90 Prozent Guitarra Portuguesa gespielt.

Und wie sieht’s dieses Jahr mit Live-Auftritten aus?

Schlecht. Aber das hängt eben auch damit zusammen, das die Zeiten relativ schlecht sind für diese Art von Musik. Erst recht, wenn man nicht mehr 20 ist. Wären wir alle noch so jung, würden wir bereitwillig für einen Appel und ein Ei sonst wo spielen, wer weiß. Nun sind wir aber alle schon etwas älter, haben Familie und so weiter und so fort. Also sind wir gezwungen – obwohl das viel zu negativ klingt – eben andere Sachen zu machen, um unser Geld zu verdienen.
Ich überleg jetzt gerade, ob ich ein kleines Theater anmiete, damit wir mal wieder ein Konzert hier machen. Aber das ist ein Nullsummenspiel. Da muss man selber, für seine eigenen Sachen, erstmal was an die GEMA abdrücken. Es ist unglaublich! Das kann man dann schonmal abziehen und wenn dann noch 50 Euro pro Nase übrig bleiben, dann ist das gut. Also ich würde mir den Luxus gerne leisten, werde ich wahrscheinlich auch tun, aber so ist die Lage. Wir fahren eben nicht mehr nach, sagen wir mal, Stuttgart für eine unsichere Einnahme. Das machen wir einfach nicht mehr. Früher war das anders. Da waren die Zeiten insofern aber auch noch ein bisschen besser. Als Veranstalter spielten da Kulturämter eine ziemliche Rolle, waren finanziell noch besser ausgestattet und auch experimentierfreudiger. Die haben sich das dann durchaus mal geleistet, so eine Gruppe zu engagieren. Aber der Markt ist völlig weggebrochen.

Tatsächlich, ja? Das nimmst Du auch hier in Köln so wahr?

Überall. Wenn dann setzen die einfach nur absolut auf Nummer sicher, also dass die Bude voll ist, und machen da überhaupt keine Experimente mehr.

Woran liegt das?

Na ja, weniger Geld, immer weniger Geld. Wahrscheinlich aber auch so ein bisschen Zeitgeist. Du kannst als Kulturamt mehr renommieren, wenn du immer ausverkauft bist. „Wir haben aber diese und jene gehabt und die waren sehr interessant und die Kritik war auch sehr gut.“ – das spielt keine Rolle mehr. Der wirtschaftliche Aspekt dominiert den künstlerischen absolut zwingend mittlerweile, hab ich das Gefühl. Es gibt Ausnahmen, aber die bestätigen eher die Regel.

Hat das auch ein bisschen mit dem Publikum zu tun? Sind die Leute zu anspruchslos?

Tja, also das glaube ich eben nicht, denn wenn wir auftreten, dann stoßen wir auf große Begeisterung. Das muss man wirklich so sagen, das ist jedes Mal so. Es gibt ein Publikum für sowas, nur muss das sozusagen zusammenfinden. Und irgendwie, tja, ich weiß auch nicht… Es würde nochmal wirklich einer großen Anstrengung bedürfen. Da müsste man sehr viel Energie hinter setzen und ich hab dazu ehrlich gesagt nicht mehr wirklich Lust. Weil ich zu sehr dann auch mit anderen Sachen noch beschäftigt bin. Das ist zwar schade, weil letztlich ist es mein Baby und ich finde die Sachen einfach gut. Aber im Grunde müsste sich wieder ne halbwegs potente Agentur dem annehmen, die da die entsprechende Energie reinsetzt und die entsprechenden Kontakte hat und das entsprechende Interesse. Nur, da fängt’s schon an. Die Agenturen, die sich überhaupt mit sowas beschäftigen, ich hätte fast gesagt: belasten, die kann man an einer Hand abzählen. Genau so ist es mit Labels. Das sind Liebhaber-Labels, die wirklich drauf stehen, was du machst und es sich leisten können, dich in ihr Programm zu übernehmen. Das ist ein gewisser Luxus. Ja, so ist nunmal die Lage.

Das gute, alte Dilemma: entweder du willst individuell und eigensinnig dein Ding machen – dann musst du zusehen, wie du finanziell über die Runden kommst. Oder du probierst dich da anzubiedern, wo’s gerade läuft.

In dem Dilemma steckt irgendwie jeder, ja. Aber in dem Dilemma hast du auch vor 30 Jahren schon gesteckt, letztendlich. Nicht so extrem vielleicht wie heute, aber im Prinzip schon. Ich hab gelernt, Erfolg für mich wirklich anders zu definieren. Wenn man jung ist und anfängt, dann will man natürlich bekannt und berühmt werden; reich vielleicht noch nicht mal unbedingt. Das schminken dich die meisten Leute dann notgedrungen ziemlich schnell ab, wenn es einfach nicht eintritt. Oder – das ist die andere Seite – es tritt ein und nach drei Jahren spricht keiner mehr von dir. Das ist die tragischere Variante. Und das hat unheimlich zugenommen. Diese One-Hit-Wonder. Da wird dann kurzfristig wahnsinnig viel Geld reingepumpt, noch mehr Geld rausgezogen und danach ist Schluß. Für mich ganz persönlich ist heutzutage, als Lebensleistung sozusagen, was anderes wichtig: ich habe mein Leben lang nichts anderes gemacht, als das, was mir Spaß macht und wo meine Talente liegen. Das habe ich in verschiedenen Bereichen gemacht und habe damit halbwegs meinen Lebensunterhalt bestreiten können. Das ist in dem Metier wirklich ein Erfolgskriterium geworden, denn das ist absolut nicht selbstverständlich. Leider.

Foto©Stefan Döring

Foto©Stefan Döring

 

Anschluss-Interview Print:

 

Was würdest du vor dem Hintergrund der heutigen Situation im Musikgeschäft jemandem raten, der seinen Lebensunterhalt mit Musik bestreiten möchte?

Ich würde so jemanden immer zuerst fragen: will da was aus dir raus? Wenn ja, dann sag ich: mach’s. Auf jeden Fall. Und bleibt dabei möglichst integer. Es geht da wirklich auch um Integrität. Hab aber auch keine Illusionen. Und wenn sich doch andere interessante Möglichkeiten bieten, hab die Flexibilität, sie wahrzunehmen.
Aber um irgendwo hinzukommen, musst du natürlich erstmal anfangen und da musst du eben auch für lau irgendwo spielen, um auf dich aufmerksam zu machen. Dazu brauchst du so ne bestimmte Grundenergie. Und klar: ein gewisses Handwerk gehört auch dazu. Damit du das, was aus dir raus will, in eine Form bringen kannst, die überzeugt. Das muss jetzt aber nicht die Musikhochschule sein. Die habe ich selbst ein Semester besucht und mich dann gerne wieder verabschiedet, weil ich das Gefühl hatte, da wird mir zugunsten eines wahnsinningen technischen Drills alles mögliche an lebendigem Zugriff ausgetrieben. Da hatte ich keine Lust zu.

Du bist ganz bewusst ausgestiegen?

Ja. Ich wurde dann zum Zivildienst einberufen, hätte sowieso unterbrechen müssen, und bin einfach nicht zurück gegangen. Ich hab danach was ganz anderes studiert, was mit Musik gar nichts zu tun hatte. Musik an sich hat mich zwar immer begleitet, die brauchte wie mein Honigbrot zum Frühstück. Aber eigentlich hab ich dann erstmal ein Lehramtsstudium gemacht und bin anschließend in den Referendardienst gegangen Dass ich den Beruf auch nicht wirklich ergreifen würde war mir zum dem Zeitpunkt allerdings schon klar. Das ist mir insofern leicht gemacht worden, als ich zu einer Referendarsgeneration gehörte, die sehr schlechte Berufsaussichten hatte. Es war 1983, da kam irgendeiner vom Arbeitsamt und hat mir erzählt, im Jahr 2005 hätte ich eventuell wieder eine Chance in den Fächern Geschichte und Sozialwissenschaften. Also blieb mir sowieso nichts übrig, als mich auf meine anderen Talente zu besinnen. Es dauerte trotzdem noch etwas. Erst als ich 33 war, hat sich die Musik dann als Beruf herauskristallisiert.

Homepage Adrian Ils

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War das eine bewusste Entscheidung, zu sagen, ich versuch’s nochmal?

Nein. Es war so, dass ich mich in der Referendarszeit immer auf meinem Akkordeon abreagiert habe. Da wohnte ich noch in Köln, und unter mir wohnte ein Mensch, der damals in einem Straßenzirkus arbeitete, der aus der Kölner Sporthochschule hervorgegangen ist. Die waren witzig. Theaterzirkus nannte sich das, da spielte jetzt nicht Artistik die entscheidende Rolle, sondern das theatralische Verkaufen von Zirkus sozusagen. Im Grunde sowas wie Roncalli auf Straßenthater runtergebrochen. Und die brauchten einen Musiker. Da mein Nachbar mich da oben immer gehört hatte, dachte er sich, frag ich den mal. Ich hab mir das dann angeguckt und fand es lustig. Nicht nur lustig sondern, ja, auch interessant. Als Ausgleich zum drögen Referandariat konnte ich das irgendwie brauchen. Also bin ich da eingestiegen. Und dann ging das ziemlich schnell ziemlich ab. Es ging sogar so ab, dass ich von diesem Zirkus komplett leben konnte. Und so bin ich eigentlich in diese Musik- und Theaterwelt reingekommen. Der Zirkus hat sich irgendwann aufgelöst. Aber es kam ein Dramaturg, der hatte uns gesehen, und brauchte für das Kölner Schauspielhaus Leute, die dreifach begabt waren, also Musik machen, artistisch was bieten konnten und auch Bühnenerfahrung als Darsteller hatten. Das war mein Einstieg in den Stadttheaterbereich und im Grunde der Beginn einer Karriere als Bühnenmusikkomponist.

Und wie ging es mit Ballhaus los?

Die Urversion von Ballhaus ist letztendlich in der Theaterkantine vom Schillertheater in Berlin gegründet worden. Da waren wir zu viert engagiert, alles noch Leute mit diesem Zirkushintergrund, die aber zunehmend im Theater Musik machten. Ich war derjenige, der die profundeste Ausbildung hatte, die anderen waren nur – in Anführungszeichen – sehr begabt. Dilettanten im Grunde, aber eben geniale Dilettanten. So dass wir dann beschlossen haben, auch einfach ausserhalb vom Theater Musik zusammen zu machen. Da war ich schon 38, also eigentlich sehr spät dran.
Ja, und Plötzlich waren wir dann halt auf der Matte und dann nahm das Fahrt auf. In den sieben Jahren, in denen dieses Ur-Ballhaus zusammem war, haben wir uns doch ein gewisses Renommee in bestimmten Kreisen erspielt, obwohl wir nie irgendeiner Szene angehörten. Wir waren wohl – und sind anscheinend auch heute noch – ein ziemliches Unikat, irgendwo zwischen allen Stühlen, absolut nicht einzuordnen. Das hing einfach damit zusammen, das die drei Hauptprotagonisten in dieser Truppe sehr unterschiedliche Vorlieben hatten. Die Konfrontation unserer Unterschiedlichkeiten, daraus haben wir eine ganze Zeit lang produktiv-kreative Funken geschlagen. Es war ständige Reibung, was künstlerisch gesehen sehr produktiv sein kann. Menschlich und gruppendynamisch gesehen aber eben auch sehr anstrengend. Und nach sieben Jahren war es einfach zu anstrengend. Da sind tolle Sachen bei rausgekommen, aber irgendwann hat’s dann auch gereicht.

Wenn du sagst, dass du nie Teil einer Szene warst, woher kam dann eigentlich deine musikalische Inspiration?

Das kann ich überhaupt nicht an einem Name festmachen. Ich bin ja als Kind so auf die Klassikschiene gesetzt worden. Also auch mit „Jugend musiziert“-Wettbewerb und schön immer Geige üben und so. Das merkt man bis heute. Mich hat als Achtjähriger zutiefst die Winterreise von Schubert beeindruckt. So eine Grundmelancholie, die sich durch große Teile meiner Musik zieht, hat da ihre Wurzeln. Die Winterreise von Schubert einem Sieben-/Achtjährigen zuzumuten – weiß ich nicht, ob das so ein geschickter Schachzug war… Dann kamen die Beatles dazu. Die hab ich mit 13 im Radio gehört, so ne frühe Rock ’n Roll Nummer. Das war wie eine andere Welt! Auf der Stelle hab ich mir die Gitarre geschnappt, die bei mir eigentlich nur als Dekoration an der Wand hing – ein Geschenk von Tante Ilse – und hab mir vom Radio dann die Sachen aufgenommen und einfach versucht das nachzuspielen. So hab ich Gitarre gelernt. Da hab ich dann sozusagen meine zweite Fähigkeit ausgebildet, mir selbst Instrumente anzueignen und mich da auch überhaupt nicht um irgendwelche Techniken zu scheren, wie man’s traditionellerweise zu lernen hat. Von da an wurde sozusagen zweigleisig gefahren. Mit 16 hab ich die erste Schul-Beat-Band gegründet, übte aber weiter brav meine Geige und spielte auch Konzerte.

Der Name Ballhaus bezieht sich aber schon auf Brecht und Weills Ballhaus in Bilbao, oder?

Genau. Da kam es ursprünglich her. Ich bin halt auch ein bisschen links sozialisiert. Mein Vater, war vor 33 in der Sozialistischen Arbeiterpartei, einer Linksabspaltung der SPD. Er ist später verhaftet worden, war im KZ. Nach dem Krieg dann wieder in der SPD, aber da wirklich linker Flügel. Na ja, ich hatte also schonmal diesen Hintergrund. Für 68 war ich von meinem Jahrgang her noch ein bisschen zu jung, in den folgenden Jahren aber doch schon schwer angefasst von dem was so los war. Das Interesse für die entsprechenden künstlerischen Ausfrucksformen trat dann eben noch hinzu. Ich meine, du musstest ja auch zunächst mal auf die 20er Jahre zurückgreifen, weil durch den Faschismus ein unglaublicher Kulturbruch stattgefunden hatte. Wo hätte man denn sonst anknüpfen sollen? Da blieb man fast zwangsweis bei Brecht und Kurt Weill hängen, wo eine Menge Inspiration dann eben auch her kam. Natürlich auch durch den Theaterbezug.

Wie gehst du selbst an die Komposition eines neuen Stückes ran?

Also ich bin nicht so der klassische Komponist, der Noten schreibt oder den Kontrapunkt beherrscht. Ich hab etliches davon gelernt, aber auch alles wieder vergessen. Wenn ich eine Idee auf irgend einem Instrumen habe, spiele ich sehr oft sozusagen mit mir selbst. Ich nehme das auf und spiele ein anderes Instrument dazu, improvisiere darüber. Bis ich irgendwo denke: ja, das ist jetzt genau das, was es braucht. Das halte ich dann fest und arbeite von dort aus weiter. Das heißt, Noten schreibe ich – wenn überhaupt – eigentlich immer erst dann, wenn irgendjemand anderes mitspielen soll, für den das dann eine Erleichterung ist.

Deine Musik wird oft als moderner deutscher Chanson beschrieben. Ist das eine Beschreibung, die für dich in Ordnung geht?

Ja, das geht schon in Ordnung. Zumindest wenn man es richtig versteht. Chanson wird hier in Deutschland ganz schnell mit dem französischen Chanson assoziiert und aus der Perspektive ist französischer Chanson dann Edith Piaf, Jacques Brel, fertig. Super, natürlich. Die sind ja Große. Aber das ist längst nicht alles. Der französischen Chanson zeichnet sich dadurch aus, dass er über eine unheimliche stilitische Vielfalt verfügt. Er hat sich schon immer wirklich aus allen Ecken, auch aus allen möglichen Weltgegenden bedient und diese Einflüsse für sich adaptiert. Diese Bewegung, die hab ich auch gemacht. Ich bin immer auf irgendwelche Musiken gestoßen, die mich fasziniert haben und die ich mir dann einverleibt habe. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Bezeichnung nicht falsch. Und natürlich wenn man bedenkt, dass die Texte eine große Rolle spielen. Texte sind mir auch sehr wichtig.

Deine Texte haben etwas poetisches. Man merkt, sie sind nicht einfach so hingeschrieben. Wie sieht dein Arbeitsprozess aus?

Die Texte sind für mich im Vergleich zur Musik der weitaus schwierigere Teil. Da bin ich wirklich am allerwenigsten Handwerker. Ich bin nicht der Poet, der sich morgens um neun sein weißes Blatt Papier auf den Tisch legt und dann sozusagen wartet, dass es aus ihm fließt. Ich bin eher undiszipliniert. Was dazu führen kann, dass ich ein paar Jahre nichts schreibe, überhaupt gar nichts. Aber plötzlich, durch irgendetwas angezündet, zum Beispiel durch die Guitarra Portuguesa, kommt da wieder was. Das kann ich wirklich nur auf diesen schönen alten Begriff zurückführen: da küsst einen dann halt die Muse. Ich will auch gar nicht unbedingt wissen, woher das dann kommt. Es ist da und fertig.Wenn das so läuft, dann hab ich einen Text in einer halben Stunde und das sind meistens die besten. Aber es gibt auch Texte, die brauchen ewig. Mir fallen ein, zwei gute Zeilen ein und danach kommt einfach nur noch Mist. Da gilt es wach zu sein und sich damit nicht zufrieden zu geben. Manchmal muss man einem Text erst hinterherleben. Es können ein paar Jahre ins Land gehen. Dann stolpert man wieder über diese zwei Zeilen und plötzlich kann das, was sie angeschlagen haben, gefüllt werden mit Energie und gelebtem Leben. Die Substanz, die es brauchte, war voher noch nicht da. Auch spannend!

Ist das ein Kriterium für einen guten Text: dass er beseelt ist von dieser Inspiration?

Das ist insofern schon erstmal wichtig, dass also sozusagen die Muse küsst und das dann auf’s Papier kommt. Und, sagen wir, die Substanz mich überzeugt, stimmig ist. Aber dann ist es schon so, dass ich immer wieder über diesen Text drüber gehe. Unter handwerklichen Gesichtspunkten oder auch unter dem Aspekt, wie ein Text singbar ist. Also wo stelle ich zum Beispiel das Verb hin, damit ich die Zeile am besten singen kann. Der Reim ist jetzt doch ein bisschen platt. Fällt mir vielleicht noch was besseres ein… Da ist dann schon oft noch Feinschliffarbeit dabei, bis ich das rausgebe.

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Du hast ein sehr breites Themenspektrum. Da geht’s vom amüsant-boshaften, über’s amourös-erotische bis hin zum politischen. Welche Texte fließen dir am schwi?

Einen politischen Text zu schreiben, ohne platt zu werden, finde ich wirklich am allerschwierigsten. Und deswegen kann man die Lieder, die ich geschrieben habe, die ich als politisch bezeichnen würde, wirklich an einer Hand abzählen. Hier lägen dann fünf Blätter mit den gelungenen und neben mir stünde ein Papierkorb voll zerknüllter Versuche.

Probierst du trotzdem noch, politische Songs zu schreiben?

Ja, ich hab neulich mal wieder einen geschrieben. Den haben wir tatsächlich auch letzten September auf dem Konzert im Funkhaus gespielt. Ich war lange unschlüssig, ob der nicht zu larmoyant ist. Nachdem verschiedene Leute, an denen mir was liegt, ihn abgesegnet haben, habe ich mich dann aber tatsächlich getraut ihn öffentlich zu machen.

Welche Themen beschäftigen dich in diesen Texten?

Das ist teilweise tagesaktuell. Es gibt ein Lied, „Ich möchte ums Verrecken nicht mehr Bundeskanzler sein“, das hing damals natürlich zusammen mit Irak-Krieg und Schröder und ewiger Solidarität mit den USA. Ein anderes, „Die Flaschenpost“, war sehr inspiriert von den beinahe täglichen Meldungen über Leichen, die an den Grenzen Europas angespült werden. Und der letzte politische Text, den ich jetzt geschrieben habe, setzt sich mit dem Scheitern gesellschaftlicher Utopien auseinander und was das so mit einem macht. Wie sich gesellschaftliche Utopien sehr relativieren angesichts der Erfahrungen die man im Laufe des Lebens macht. Dem muss man Rechnung tragen, ohne allzu sehr zu resignieren. Das ist schwierig und sagen wir mal diese Gemengelage, auch emotionaler Art, in einen Text zu bringen, war auch nicht so einfach. „Der Wind“ heisst das Stück. Ich find’s einigermaßen gelungen.

War es jemals eine Frage für dich, Deutsch zu texten?

Nö, das war eigentlich keine Frage. In den Anfangszeiten gab es auch französische und englische Texte. Aber das war schon immer vorwiegend Deutsch. Das ist halt die Sprache, in der ich mich am besten ausdrücken kann. Was mich total nervt, sind Leute, die versuchen, möglichst gut Englisch zu singen, aber so richtig schön daneben liegen. Ein Deutscher, der einen englischen Text singt und überhaupt nicht versteckt, dass er es nicht perfekt kann – kein Problem. Kauf ich ab, wenn sonst alles stimmt. Aber so krampfhafte Versuche, englisch oder amerikanisch zu klingen und es einfach zu verfehlen – das find ich schrecklich. Das klappt nicht, wenn man dieses Gewollte daran merkt.

Es mag ein Klischee sein, aber läuft man mit deutschen Texten nicht doch ein wenig Gefahr, in Sippenhaft genommen zu werden… Da kommen schnell Assoziationen mit Schlager, Deutschpop, Liedermacher… Probierst du dich demgegenüber bewusst abzugrenzen?

Och, Abgrenzung, weiß ich nicht. Sagen wir mal so, wenn man deutsch textet, dann ist der deutsche Schlager ja nunmal eine Referenz – eine schreckliche. Aber das spornt einen dann umso mehr an auf gar keinen Fall mit Schlager verwechselt zu werden. Womit man den Kreis seines Publikums schonmal entschieden eingrenzt.
Mit aktueller deutschsprachiger Popmusik kenn ich mich ehrlich gesagt nicht so wahnsinnig aus. Aber was ich da hin und wieder so höre, das ist teilweise schon gekonnt und gut gemacht. Dabei, aber auch – und das stört mich daran ein bisschen – so lieb, so nett. Man möchte die dauernd in den Arm nehmen und ihnen über den Kopf streicheln. Also da ist mir zu wenig Spannung. Wir leben in Zeiten, finde ich, die das brauchen könnten. Schönklang als Element ist wunderbar. Wir haben das in unseren Sachen auch. Gerade auf der portugiesischen Gitarre, da schreib ich eine schöne Instrumentalschnulze nach der anderen. Aber gleichzeitig gibt es bei mir dann immer den Drang, dem etwas entgegen zu setzen. Und so steht es dann auch im Konzert teilweise relativ unvermittelt nebeneinander. Diese Spannung, die interessiert mich, die drückt für mich Leben aus.

Und die Liedermacherszene, wie ist da das Verhältnis?

Na ja, gut. Da gab’s dann eben doch so einige, von denen man was lernen konnte. Es gab aber auch abschreckende Beispiele. Ein großes Vorbild zu meinen linksradikalen Jugendzeiten war Wolf Biermann. Der war schon eine Hausnummer, von der Qualität her. Da musste man sich erstmal dran messen. Mittlerweile aus der Zeit gefallen, aber damals, noch in der DDR, ja absolut wirkungsmächtig. Ein Poet von ganz hohen Graden und auch als Musiker wirklich spannend. Nichtsdestotrotz: den kann ich nur noch lesen. Wenn ich den höre krieg ich zu viel. Und wenn ich den sehe noch mehr. Das hat sowas absolut egozentrisch-größenwahnsinniges. Da hilft es auch nichts, wenn der Größenwahn durch Genialität begründet ist. Das ist mir dann menschlich so unangenehm.
Eine interessante Geschichte genau dazu: Ich hab eine Platte von Konstantin Wecker, nämlich „Genug ist nicht genug“. Die hab ich gefressen, weil der eben auch mit Klangbildern arbeitete, die nicht so üblich waren. Der unterschied sich sehr vom einheitsklampfenden Liedermacher einerseits, aber auch so von den Pop-Stereotypen andererseits. Später, zu Ballhaus-Zeiten hatte ich sogar Kontakt mit ihm. Zwei, drei Jahre haben wir uns regelmäßig Briefe geschrieben. Nur leider wurde das mit der Zeit immer unangenehmner. Also ich konnte dieses Weckersche Pathos einfach überhaupt nicht mehr ertragen. Irgendwo war er letztendlich doch der Egomane, für den man ihn immer gehalten hat. Einer dieser Künstler, die wie eine Primel eingehen, wenn sie nicht diesen ständigen, großäugigen Publikumszuspruch haben. Das ist wirklich eine Droge. Und so wollte ich nie werden. Also Kunst und Bühne als Droge… Andereseits braucht es vielleicht genau das, dieses egomanische, um Erfolg in einer solchen Größenordnung zu haben. Mir ging das jedenfalls ab, obwohl ich’s jetzt auch menschlich nicht bereue.

Wenn’s weder Größenwahn noch Rausch waren – warum hast du dich denn überhaupt auf die Bühne gestellt?

Bei mir war’s genau das Gegenteil. Ich war als Kind eigentlich zu früh in der Situation. Schon mit elf, zwölf Jahren: Dunkelheit, Scheinwerfer, 200 Augenpaare – und jetzt soll ich da was bringen. Das ist sehr zweischneidig. Einerseits ist das natürlich ein gewisser Kitzel und hinterher kommem sie alle zu dir: „Das hast du aber schön gemacht.“ Aber vorherrschend war eigentlich die Angst. Ich glaube, dass ich letztendlich so einen Bühnenberuf ergriffen habe, hat viel damit zu tun, dass ich mich dieser angstbesetzten Ursituation immer wieder neu aussetzen wollte. Das heißt allerdings auch: ich habe wirklich Jahrzehnte lang fürchterliches Lampenfieber gehabt. Im Publikum hat das niemand gemerkt. Man entwickelt da eine Routine und eine Souveränität, mit der man das perfekt überspielen kann. Stattdessen irgendwann mal völlig aus purer Lust dazustehen und das ganz entspannt einfach zu machen. Da mein bestes zu geben, aber vor allem zu eigenen Beglückung – und wenn mir das Publikum dann glücklich folgt umso besser. Dafür hab ich wahnsinnig lange gebraucht. Also eigentlich ist das erst seit vielleicht zehn Jahren so.

Dafür stehst du neuerdings nicht nur als Musiker auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Genau. Nachdem ich ja über die Bühnenmusikgeschichten sowieso immer viel Kontakt zum Theater hatte, bin ich in den letzen Jahren auch immer mehr als Schauspieler engagiert worden. Das freut mich enorm, in meinem Alter nochmal so einen völlig neuen Bereich aufzuten, wo ich mich ganz anders erproben kann. Unheimlich spannende Sache, jedes Mal wieder eine neue Figur für sich zu entdecken. Vor zwei Jahren habe ich einen Nazi gespielt, einen Wehrmachtsoffizier. Also genau einen von denen, unter denen mein Vater gelitten hat. Das war eine Herausforderung. Da musst du wirklich gucken, wo verdammt nochmal ist das Arschloch in Dir, das dir die Energie bringt, die du aufpumpen musst, um so jemanden glaubwürdig zu spielen. Wie sowas geht – das aufregend und beängstigend, zugleich. Du kommst an einem guten Abend wirklich in so ne Art Nazi-Flow. Und plötzlich – Zack! – kommst diese perverse Sau nur so aus dir rausgeflutscht. Mit dem nötigen Adrenalin dann auch gibt dir das ein Hochgefühl… Also da hat dann später ein Glas Rotwein nicht gereicht, um wieder runter zu kommen.

Kann man dich bald in neuen Rollen erleben?

Im Moment bin ich gerade in einer kleinen Produktion zu sehen. „Ein anarchistischer Bankier“, nach einer Erzählung von Fernando Pessoa. Da spiele ich den romantischen Anarchisten als Sidekick zu einem Bankier, der mit seinen angeblich anarchistischen Grundüberzeugungen kokettiert. Gerade laufen auch die Proben für eine neue Produktion über die Edelweißpiraten an der Comedia an. Ich weiß noch gar nicht so richtig, was da das Konzept sein wird. Es wird auf jeden Fall spannend.

Du bleibst der Schauspielerei also treu?

Ja, ich freue mich immer wieder wenn ich gefragt werde und ich werde gefragt.

Infokasten:
Über Adrian Ils‘ aktuelle Aktivitäten genauso wie die zukünftigen und vergangenen informiert charmant und eloquent seine Homepage www.adrian-ils.de. Seconds rät zum Besuch.

Text und Interview: Felix J. Grosser

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