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03

Okt
2014

Generation Vittel – Trinken als Tic

On 03, Okt 2014 | Keine Kommentare | in LATEST NEWS, Originell, Szene | von SecMag

Von Diana Zulfoghari / Foto:Andreas Dibbern – Trinken. Den ganzen Tag trinken. Am besten drei Liter Mineralwasser. Das stille Wasser aus der blauschimmernden Plastikflasche. Haben wir immer dabei. So wie früher auf der InterRail-Tour, weil im Zug kein Trinkwasser aus der Leitung fließt. Oder noch früher in fernen Hotelzimmern, als simples Zähneputzen keimgefährlich den Resturlaub ans stille Örtchen zu fesseln vermochte.

Eine Literflasche stilles Mineralwasser kann Lebensversicherung sein, Gesundheits-Grundgesetz. Auch hier? Zuhause? Wozu schleppen wir ein Kilo Extragewicht mit ins Büro, in den Park? Joggerwasser. Labberiger Lifestyle ohne Kohlensäure, lauwarme Brühe – egal. Immer runter damit. Das ist gesund! Das macht schön, hält die Haut straff, beugt Demenz vor und Austrocknung. Dehydrierung geht jedem Ernährungsberater flüssig über die Lippen. Ach was, kann man in Köln denn verdursten? Bei Wüstenwanderungen muss man stündlich einen Liter aus der Feldflasche zu sich nehmen, um keine Fata Morganas zu sehen. Gilt das auch für Fußmärsche vom Egelspfad Richtung Dom? Na klar, ihr trainiert alle für den Köln-Marathon. Aber läuft man am Decksteiner Weiher einen Ironman? Trinkpause! Bei der WM in Brasilien wie auf dem Bolzplatz in Nippes. Darauf achten die Spielermütter. Selbst bei der Chorprobe wird neuerdings nachgeschüttet. Wassergekühlte Stimmbänder?

Woher diese Angst vor Wassermangel?
wird zum Tic. Nervig wie Nägelkauen. Nein, ihr müsst euer Fläschchen nicht ständig bei euch haben! Ganz ruhig – es passiert nichts, wenn ihr ohne Vittel vor die Tür geht. „Dat Wasser von Kölle is joot“ – hart aber gut. Und jeder Haushalt hat eine Wasserleitung. Noch ist es so billig, dass wir es auch zum Duschen und Putzen verwenden – falls die durstige Karawane angeführt vom Sultan vor der eigenen Tür vorbeizieht, sagt der Kölsche: „Drink doch ene mit.“ (Hän äver nur Kabänes!) Man kann überall und jederzeit um ein Glas Wasser bitten – nicht nur in der Apotheke. Man kann es in Drogeriemärkten und in Wartezimmern aus großen Zapfsäulen in saubere Pappbecher füllen. Was nicht geht, ist die Privatpulle mit Schwung auf dem Biergartentisch abzustellen. Peinlich. Wir besuchen eine Lokalität, die Getränke verkauft und haben eigene dabei? Und jetzt noch die Tupperdose raus mit den gesunden Apfelschnitzen für die Kinder. Prost Mahlzeit! Sogar für den Hund bringt der Kellner eilig einen Wassernapf an den Tisch. Es ist für alles gesorgt. Woher also diese Angst vor Wassermangel? Haben wir jemals Durst gelitten? Schlechte Zeiten gekannt?

Fidji-Wasser für zehn Euro pro Flasche
Die Bedeutung des Wassers ist mythisch und märchenhaft. Irgendwo im tiefsten Inneren glauben wir an das Wasser des Lebens, an den Jungbrunnen. Wunderwasser muss man von Pilgerreisen mitbringen, egal ob Mekka oder Lourdes. Einen Hauch dieser Kraft zur Verwandlung, den Lahmen gehend und den Blinden sehend zu machen, vermuten wir in jeder Wasserflasche. Wenigstens in dem teuren Gletscherzeug, in Fidji-Wasser oder den anderen Edelsorten für zehn Euro pro Flasche. Stars versichern uns im Interview treuherzig, das Geheimnis ihrer Schönheit und des inneren Leuchtens liege nur im Wassertrinken, drei Liter jeden Tag. Ok – Yoga dazu. Und gute Gene. Aber bestimmt kein Chirurg. Wer das glaubt, mag seine Fingerspitzen in Bonaqua tauchen und sich bekreuzigen. Früher ist man auch mit Weihwasser sparsamer umgegangen. Was das eben genannte Tafelwasser betrifft: ist auch aus der Leitung. Ja, auf Konzerten, an der Pommesbude und in der Hamburgerbraterei zahlen wir für Leitungswasser mit etwas Blubber drin. Und zero Kalorien. Man kann sein Leitungswasser nicht nur selber aufsprudeln, sondern auch mit teuren Geräten „energetisieren“, es mit Edelsteinen in Karaffen drei Tage lang herumstehen lassen, um es zu harmonisieren… Aber das sage ich auch über alle neuen Sorten mit einem Hauch Geschmack. Stilles Wasser mit einem fernen Hauch Granatapfel, Grüntee oder Holunderblüte. Die farblosen Urenkel der Brause, bah.

Wir haben uns angewöhnt zu trinken, weil es nötig ist. Auch wenn wir nicht durstig sind. Bevor wir Durst bekommen. Ein Bedürfnis stillen, bevor es überhaupt auftritt. Damit wird Trinken so lustlos wie das ganze Leben. Was gibt es denn Schöneres, als seinen brennenden Durst zu löschen? Es mag der Durst nach Wissen sein oder Neugier, die brennt. Die trockene Kehle, wenn einem der Traummann einen flüchtigen Blick zuwirft. Wie soll man diese Symptome noch deuten, wenn man Durst nicht kennt? Kann man seine körperlichen Reaktionen missverstehen? Ja, woher sonst das Bedürfnis in die Stille hinein zu husten, bevor der Dirigent den Taktstock hebt?! „Freude trinken alle Wesen an den Brüsten der Natur“ – so heißt es in Schillers Ode an die Freude. Die Leute, die den ganzen Tag an der eigenen Wasserflasche nuckeln, haben auch immer den passenden Sound dabei. Kopfhörer. Aber wehe, wenn sie sich doch mal in ein echtes Konzert verirren, nicht auf mp3 die besten Stellen als rotation hören. Zum Beispiel Beethovens Neunte. Live. Jetzt. Konzertsaal. (Hallo?! Die Wasserflaschen bleiben draußen! Und Nuckelbecher mit Strohhalm sind auch nicht erlaubt!) Der großartige Schluss, wenn der Chor aufsteht, die Schleusen aufgehen und Musikströme wie ein Wasserfall niedergehen. Der ist genau deswegen großartig, weil man die ganze Sinfonie gehört hat. Ja, ganz. Und die Stille, die trockene Stille vor dem ersten Ton. Man hat Durst bekommen, ihn ausgehalten. Und zum Schluss ist er gestillt worden. Das ist Glück. Mehr geht nicht. Höchstens noch ein Sekt im Foyer.

Foto: Andreas Dibbern

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