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Kulturzirkus Meinungen, Trends und Einflüsse.

23

Mrz
2015

Es kommt nicht drauf an, wie schnell du oben bist, sondern wie lange du da bleibst. – Serdar Somuncu

On 23, Mrz 2015 | Keine Kommentare | in Kulturzirkus, LATEST NEWS, Originell, Szene, TOPARTIKEL | von SecMag

Serdar Somuncu hat vergessen, dass am Aschermittwoch noch nicht alles vorbei ist. In dem Restaurant, das er für das Treffen gewählt hat, wird kollektiv Fisch geordert, die Karnevalsstimmung hängt noch in der Luft. Somuncu hasst das. So sehr, dass er darüber sogar einmal ein Buch geschrieben hat.

„Karneval in Mio“, eine 111-seitige Tirade aus der Isolation des sich Verbarrikadierenden. Doch Somuncus derbe Sprache dient vor allem dem Wunsch, Leser und Zuschauer aus der Konsensfalle zu locken. Im Gespräch ist er extrem höflich, offen und stellt beinahe so viele Gegenfragen, wie er Antworten gibt.

Herr Somuncu, wie schwer war es für Sie in diesem Jahr, Karneval aus dem Weg zu gehen?
Serdar Somuncu: Sehr schwer. Ich war eigentlich auf der Flucht, so wie immer in dieser Zeit. Ich musste aber aus privaten Gründen zurückkommen, dummerweise am Karnevalssamstag. Das heißt also, dass ich das volle Programm miterlebt habe. Bis Dienstag. Da denkt man, dass jetzt nur noch dieser scheiß Nubbel verbrannt wird, aber in Wirklichkeit geht die Party erst richtig los. Die ganze Nacht Gegröle und kotzende Leute auf der Straße. Und heute Morgen wurde dann die Baustelle vor meinem Haus wieder eröffnet.
Also stört Sie an Karneval vor allem der Geräuschpegel?
Furchtbar, ja. Ich habe zuhause gesessen und gedacht: Ey, das klingt wie Reichspogromnacht! Dieses Getrommel und die Schreie… als wäre da draußen ein SA-Trupp unterwegs. Ein KZ-Überlebender würde wahrscheinlich den totalen Flashback kriegen. Für mich hat das etwas sehr Bedrohliches.
Finden Sie denn das System Karneval, also diesen Konsens über Stimmung und Verhalten, grundsätzlich okay?
Das kommt drauf an, Karneval ist ja zum Beispiel in Köln anders als Fasching in München. Köln ist eine Asi-Stadt – die Kölner benutzen jede Gelegenheit, um sich selbst zu feiern. Wenn du hier geboren bist, dann verstehe ich, dass Leute sagen, ich treffe einmal im Jahr meine Freunde von früher, wir können uns rückversichern, dass wir noch da sind. Ich selbst sehe das alles aber nur in seiner abgrundtiefen Hässlichkeit. Man wird ja auch ganz automatisch ausgegrenzt, wenn man nicht gleich mitschunkelt und bei dieser widerlichen Musik Tränen in den Augen hat. Dieser übersteigerte Narzissmus der Kölner hat etwas hochgradig Intolerantes.
Wann haben Sie das letzte Mal eine Stimmung oder Meinung übernommen, ohne die Haltung dahinter zu überprüfen?
So etwas mache ich nicht.
Ich frage, weil sich Menschen dieser Tage vor allem online recht schnell und radikal auf Stimmungen zu einigen scheinen. Ich denke zum Beispiel an die Lanz-Petition oder das Poetry-Slam-Video von Julia Engelmann. Ist das Internet wirklich das große demokratische Freiheitsmedium, für das man es hält?
Das Internet ist eigentlich nur die nächste Stufe einer Entwicklung, die vor 25 Jahren eingesetzt hat, mit dem Zusammenbruch der Mauer und den Systemen Ost und West. Alles, was zuvor dazu gedient hatte, den politischen Gegner auszuspähen, war plötzlich auf ein neues Ziel gerichtet, das Individuum. Die gleichen Algorithmen, mit denen wir früher den Feind bespitzelt haben, werden nun dafür genutzt, die Gewohnheiten der Menschen auszuspionieren, um sie mit diesem Wissen steuern zu können. Deshalb gibt man mit jedem Schritt, den man im Internet macht und den man ja eigentlich als persönliche Freiheit empfindet, einen anderen Teil seiner Freiheit auf. Das ist mitunter ein hoher Preis.
Also sind auch die kollektiven Meinungen voraussehbar?
Natürlich. So heftig Debatten in Blogs, bei Twitter oder Facebook auch geführt werden, so berechenbar sind sie in der Folge ihrer Abläufe. Nur wer diese Mechanismen konterkariert und antistrukturell handelt, hat eine Chance auf echte Freiheit. Was natürlich eine Herausforderung ist, weil man mit unheimlich viel Widerstand umgehen muss. Antistrukturell leben heißt ja auch, nicht gefällig zu sein. Und trotzdem ist das ein wichtiger Weg, der auf lange Sicht honoriert wird. Je originärer, je authentischer du bist, desto langfristiger bist du interessant.
Die Scheindiskussionen und Mobs machen Ihnen also keine Angst.
Doch, das macht mir sogar große Angst – nur weil man etwas versteht, heißt es ja nicht, dass man keine Angst davor hat. Vor allem, weil man ja trotzdem machtlos ist. Deshalb wird die nächste große Frage unserer Zeit sein, wie wir mit der Freiheit umgehen, die wir haben? Werden wir gerechter oder bleiben wir so, wie wir gerade sind?
Statt um Gerechtigkeit scheint es eher darum zu gehen, Dinge abschließend zusammenzufassen, während sie noch passieren.
Es gibt im Internet einen immer schärfer werdenden Wettbewerb um die klügste und pointierteste Aussage. Wenn du es schaffst, in 140 Zeichen das Tagesgeschehen auf den Punkt zu bringen, bist du der Gewinner, der Top-Tweet. Aber manchmal geht’s in menschlichen Beziehungen eben nicht darum, 140 Zeichen zu brauchen, um zu verstehen, wie der andere ist, sondern 140 Jahre.
Wird im Netz generell zu viel gehasst und zu wenig geliebt?
Ja, aber das ist normal. Das, was im Moment stattfindet, ist ja eine Kanalisierung von vorhandenen Gefühlen, die lange vom Dogma der Political Correctness unterdrückt wurden. Man wusste nie, was sage ich jetzt: „Afroamerikaner“ oder „Bimbo“? Dadurch, dass im Netz die Möglichkeit besteht, unerkannt zu bleiben, was ja gleichzusetzen ist mit einer Entsozialisierung, kann man „Bimbo“ sagen, ohne dass man dafür verurteilt wird. Ich finde es logisch, dass mit der neuen Freiheit erst einmal die negative Komponente hervortrat. Aber ich hoffe, dass unsere Selbstregulierungsmechanismen wieder so stark werden, dass wir sie nicht anderen moralischen Instanzen überlassen müssen, zum Beispiel der Kirche. Die Kirche wittert ja gerade Morgenluft, die ruft: „Kommt zu uns, wir haben die Werte, die Moral!“
Weil sie etwas Verbindliches liefert?
Ja, etwas Festes, Fundamentales und auch sehr Autoritäres. Menschen finden Autorität ja manchmal gut.
Wie die Besucher Ihrer Facebook-Seite, auf der Somuncu-Diktatur herrscht. Sie löschen regelmäßig Ihre und die Kommentare der Nutzer. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen aushalten und sich raushalten?
Die ziehe ich gar nicht mehr. Auf meiner Seite ist alles vergänglich, jeder Eintrag ist nach einem Tag wieder verschwunden. Ich finde, dass die Vergänglichkeit die passende Antwort auf die Hybris derjenigen ist, die meinen über alles urteilen zu müssen. Ich glaube, die Leute damit zu konfrontieren, dass Dinge vergänglich sind, ist besser als ständig Spuren von dämlichen Aussagen zu hinterlassen, die nach drei Tagen gar nichts mehr bedeuten.
Dieses antistrukturelle Handeln dürfte anstrengend sein.
Ja, das ist die Kehrseite des Konformen, dass man es, wenn man außerhalb der Gesellschaft steht, sehr schwer hat, Gleichgesinnte zu finden, die einen in Schutz nehmen. Solidarität ist in solchen Momenten Mangelware. Das passiert mir in vielerlei Hinsicht auch in meinem Job. Wenn ich als Comedian einen Auftritt im Fernsehen habe, den der Sender zur Hälfte zensiert, und ich sitze danach neben fünf schweigenden Kollegen in der Umkleide und frage: „Sagt mal, habt ihr das nicht mitbekommen?“, und alle gucken weg, weil sie Schiss haben, dass ihr Auftritt auch beschnitten wird – dann wird dir dein Stand als Außenseiter sehr schnell bewusst. Gerade in der Medienbranche wirst du für einen eigenen Kopf sehr oft sanktioniert. Die Prämisse für eine erfolgreiche Karriere lautet heute: Du musst sagen, was wir wollen oder du findest nicht statt und giltst als kompliziert.
Hat Widerstand für den Comedian Serdar Somuncu dann überhaupt Vorteile?
Natürlich! Wenn man einmal begriffen hat, dass dir keiner hilft, wenn man dafür bestraft wird, dass man seine Schnauze aufmacht, bleibt dir gar nichts anderes übrig, als ehrlich zu sein und zu sagen: Okay, dann verzichte ich eben auf eure Anerkennung – aber ich sage zumindest, was ich fühle, und nehme keine Rücksicht darauf, ob ihr das ausstrahlt oder nicht.
Funktionieren so auch Ihre Bühnenprogramme? Dass Sie Situationen schaffen, in denen das Publikum eine Haltung entwickeln muss?
Die Programme funktionieren nicht, weil es keine Anleitung dazu gibt, wie das Programm zu sein hat. Die Programme entstehen am Abend und passieren.
Aber jede Aufführung hat doch ein Ziel, oder?
Ich bin immer am glücklichsten, wenn am Ende etwas herauskommt, das wir vorher nicht wussten. Es gibt natürlich Grundelemente, die wiederkehren. Das war in der frühen Phase die Auseinandersetzung mit Texten der Nationalsozialisten, danach ging es um die Bild-Zeitung und die Frage, wie Propaganda funktioniert. Im aktuellen Programm, ist das eine etwas abgehobenere Auseinandersetzung mit den Dingen, über die wir uns hier auch gerade unterhalten. Also: Wer bestimmt uns? Wie geht das Individuum mit der Fremdbestimmung um? Das sind Fragen, die das Publikum und ich besprechen, aber es ist nicht vorgegeben, welche Lösung wir dabei finden müssen.
Sie stellen den Zuschauern dabei Fallen.
Natürlich! Dadurch, dass ich mich um die Political Correctness nicht mehr kümmere, einfach die Leinen loslasse und „Bimbo“ sage, verlocke ich natürlich die Leute dazu, „Bimbo“ zu denken. Und ich will wissen, was sie denken. Ich will nicht wissen, was die mir sagen, weil sie meinen, ich würde es hören wollen. Denn in dem Moment, wo ich sie ertappe, haben wir eine Ebene erreicht, die sehr authentisch ist, sehr echt, und die zu einer nächsten Stufe des Verständnisses führen kann.
Hängt es denn nur vom Publikum ab, in welche Richtung sich der Theaterabend entwickelt?
Nein, das liegt auch stark an mir. Ich klammere meine Befindlichkeiten nie aus. Eigentlich ist das für einen Schauspieler ein Paradoxon, weil er seine Bedürfnisse und Gefühle hintenanstellen sollte. Aber in meinem Fall ist die Rolle mit mir selbst so gemischt, dass ich irgendwann beschlossen habe, meine Stimmung zum Teil der Rolle werden zu lassen.
Tagesformabhängig kann Ihr Programm also lauter oder leiser werden?
Es gibt grundsätzlich zwei Parameter: Die langfristige Befindlichkeit, also in welchem Lebenszustand ich mich gerade befinde. Im vergangenen Jahr beispielsweise war ich sehr traurig, weil ein unheimlich guter Freund, einer meiner wichtigsten künstlerischen Wegbegleiter, einen Hirntumor hatte und langsam verreckt ist. Und während der verreckt ist, habe ich auf der Bühne gestanden, mit diesem Ballast an Gefühlen und wusste: Ich kann nicht lustig sein, da läuft gerade parallel etwas so Schlimmes ab, dass ich lügen müsste, um das zu verbergen. Deshalb war klar, ich nehme das mit in den Abend. Die Leute spüren lieber, dass es dir nicht gut geht, als dir Lügen abnehmen zu müssen.
Und zu ihrer Grundstimmung mischt sich noch das Situative.
Genau. Blicke können zum Beispiel total viel ausmachen. Wenn man auf die Bühne geht und da sitzt in der ersten Reihe so ein Fettsack mit verschränkten Armen, der ablehnend guckt – und ich schwöre dir, der hat sich bewusst dahin gesetzt, damit ich ihn sehe – dann fühlt man sich abgelehnt und geht schon mit einem total negativen Gefühl in die Vorstellung. Im schlimmsten Fall wird man aggressiv und überträgt das auf das ganze Publikum. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, das zu thematisieren, und zu versuchen, einen Teil davon in einer verallgemeinerten Form mit ins Stück zu nehmen: „Ah, guckt mal, da sitzt einer, der hat sich heute richtig was vorgenommen, der will mich mit seinen Blicken verunsichern.“ Dann ist man raus aus der Situation, hat aber trotzdem dieses Gefühl verarbeitet. Wenn man das stattdessen unterdrückt, wird’s ganz beschissen. Dann spielt man den ganzen Abend anti.

„Man kannt viel schneller ein Lied schreiben oder einspielen, wenn man verknallt ist. Das ist bei einem Hassprediger schwer. Wenn man verknallt ist und den Hassprediger spielen soll, ist das nicht gut.“

Genau davor hatte ich mal Angst. Ich war in einer Ihrer Vorstellungen, habe es nach der Pause aber nicht schnell genug zurück zum Platz geschafft und bin dann lieber hinten stehengeblieben.
Das ist auch richtig so. Ich empfinde es als hochgradig respektlos, wenn die Leute während der Aufführung ihren Bedürfnissen nachgehen. Du bist ja nicht im Kino, das Theater ist keine Verlängerung deines Wohnzimmers. Wenn vor dir jemand steht und spielt, dann bringt dieser Mensch ja ganz viel mit: Aufregung, Leidenschaft, Gefühle, Angst. Und dann sitzt da einer und hat vorher nicht dran gedacht, sein beschissenes Bier aufs Klo zu bringen.
Sind denn für Ihre Arbeit generell die harten oder auch mal die weichen Gefühle der Motor?
Da ich das Glück habe, unterschiedliche Sachen machen zu können – Bücher schreiben, Musik – ist auch die Palette der Gefühle, die die Initiative bilden, das zu machen, sehr unterschiedlich. Wenn wir über die Hasspredigerfigur sprechen, dann ist das Gefühl natürlich oft Wut, Kanalisation von unterdrückten Gefühlen. Oder nehmen wir die Musik. Musik hat viel mit Liebe zu tun. Man kann viel schneller ein Lied schreiben oder einspielen, wenn man verknallt ist. Das ist bei einem Hassprediger schwer. Wenn man verknallt ist und den Hassprediger spielen soll, ist das nicht gut. Die Leute sagen dann nach der Vorstellung: Heute war er ein bisschen weich, da stimmt was nicht mit dem.

„Ich weiß, dass die Sachen, die ich erzähle, sehr kompliziert sind. Ich rechne damit, dass so jemand wie Lanz das nicht versteht. Das ist auch okay.“

Was ist also wichtiger: Höflichkeit oder Aufrichtigkeit?
Aufrichtigkeit ist Höflichkeit.
Schmerzt es Sie, wegen ihrer Aufrichtigkeit häufig missverstanden zu werden?
Gar nicht. Das denken nur viele, wenn ich zum Beispiel bei Lanz sitze und der fragt dumm nach, nachdem ich etwas erklärt habe. Aber ich kalkuliere das ein. Ich weiß, dass die Sachen, die ich erzähle, sehr kompliziert sind. Ich rechne damit, dass so jemand wie Lanz das nicht versteht. Das ist auch okay. Wenn er mich fragt, zwingt er mich ja dazu, mich zu vereinfachen. Vielleicht bin ich manchmal so abgehoben, schon auf einer anderen Ebene der Diskussion, dass es ganz selbstverständlich ist, dass mich Leute nicht verstehen.
Aber in Ihren Shows wollen Sie doch, dass die Zuschauer Sie verstehen und sich dadurch etwas verändert, oder?
In mir, ja.
Nicht zwingend in den anderen?
Ich glaube, wenn ich in mir etwas verändern kann, verändert das auch etwas in den Leuten. Wenn ich in den Leuten etwas verändern will, um in mir etwas zu verändern, ist das der falsche Weg. Das ist mir zu pädagogisch. Ich bin kein Lehrer, ich kann mich nicht auf die Bühne stellen und sagen: So müsst ihr denken. Ich kann nur erzählen, wie ich denke, und an der Reaktion der Leute merke ich, ob das vielleicht falsch ist. Daraus entsteht etwas Gemeinsames.
Also empfinden Sie keinen Erziehungsauftrag für Ihr Publikum?
Das Einzige, was ich empfinde, ist ein Bildungsauftrag. Ich will das Theater am Leben erhalten. Weil ich das Theater für sehr wichtig halte, weil ich diese Begegnung sehr wertvoll finde, und weil das gleichzeitig mehr und mehr verloren geht und der Stellenwert der Konserven immer größer wird.

Der Kellner bringt die zweite Tasse Tee, Somuncu erkundigt sich, ob er zu laut spreche. Tut er nicht. Kurzes Durchatmen.
Ich muss mal eben die Reihenfolge meiner Fragen neu ordnen, wir haben die im Gespräch durcheinandergebracht.
Wir können auch noch mal von vorne anfangen.
Oh gut. Also, wie war das in diesem Jahr mit Karneval?
(lacht) Wie alt sind Sie eigentlich, wenn ich das fragen darf?
Bald 30.
Und ist das ein Problem für Sie, 30 zu werden?
Schon ein bisschen.
Warum?
Ich hatte ein anderes Bild im Kopf von mir als 30-Jährige.
Was denn für eins?
Meine Mutter. Bei der war mit 30 alles sehr klar. Und ich dachte immer, das würde bei mir auch so laufen.
Sie gehören also zur „Lost Generation“! Kenne ich, ein weit verbreitetes Problem. Ich glaube, in unserer Generation ist der Zeitpunkt überschritten, an dem das Gefühl einfach macht und die Ratio nicht genug Platz hat, sich auszubreiten. Das ist mittlerweile bei Frauen ein echtes Hindernis, dass sie wahnsinnig viel verstandesmäßig angehen, so nach dem Motto: „Ich muss dies machen, ich muss jenes machen…“. Aber unter dieser vermeintlichen Selbstverwirklichung wird ein ganz starkes Gefühl unterdrückt, nämlich eben doch dieser Wunsch nach sehr konservativen Werten, nach dem klassischen Familienglück. Das klingt wie das Superklischee, aber es ist so. Das wird auch ein Thema meines neuen Programms sein, diese Sucht danach, sich selbst zu verwirklichen, und dann die daraus entstehende Verzweiflung darüber, dass man am Ende alleine dasteht.

„Es kommt nicht drauf an, wie schnell du oben bist, sondern wie lange du da bleibst.“

Selbstverwirklichung wird einem ja auch die ganze Zeit als Schlüssel zum Lebensglück angepriesen. Es heißt immer: Du kannst alles sein, was du willst, Supersänger, Superstar, Supermodel, wenn du es nur wirklich willst. Das stimmt aber nicht. Und dann verzweifeln alle. Können Sie dem Nachwuchs überhaupt noch erklären, dass Dinge in ihrem eigenen Tempo wachsen müssen?
Schwierig. Denn tatsächlich ist es so, dass die Industrie – damit meine ich die Fernsehsender, Produktionsfirmen, Verwertungsgesellschaften – die Künstler mittlerweile aufsammelt wie Rohdiamanten, weil sie merkt, dass das eine Ware ist, mit der Geld erwirtschaftet werden kann. Es gibt viele talentierte Leute, die liegen irgendwo kostenlos rum und dann sagen Produktionsfirmen: „Komm, wir geben dir einen Deal, du bekommst auch noch einen Preis dazu, los geht’s!“. Danach verschachern sie diese Leute innerhalb der ersten zwei Jahre, bis sie ausgewrungen sind wie ein nasses Handtuch. Anschließend sind sie verbrannt, weil ihnen die Erfahrung fehlt. Sie verbrennen, weil sie an einer ganz wichtigen Stelle abhängig gemacht werden: ihrer Eitelkeit. Diese Fernsehsender lassen dich stattfinden. Und dann kommt jemand, der noch unterentwickelt und unreif ist, wird vor 5.000 Leute gestellt, nur um in sich zusammen zu fallen, wenn der Ansturm wieder nachlässt. Das sind Leute, die dann innerhalb weniger Monate komplett weg vom Fenster sind und von denen man auch nie wieder etwas hören wird.
Bei Ihnen ist das eher umgekehrt: Sie machen nicht einmal mehr Werbung für Ihre Shows und sie sind trotzdem ausverkauft.
Die Leute kommen, weil sie mit mir groß geworden sind. Ich habe in Schulen gespielt, wo Kids mit zwölf Jahren in meiner „Mein Kampf“-Lesung saßen, und jetzt, als 25- oder 30-Jährige, immer noch zu den Auftritten kommen. Das ist für mich die größte Auszeichnung: Ohne ein Plakat zu hängen, alle Hallen vollzubekommen. Aber das kann man heute kaum mehr jemandem erklären – und das ist das Gefährliche: Dass die Geschwindigkeit, in der Hypes inszeniert werden, die Leute selbst überholt. Trotzdem wird ihnen dauernd suggeriert, dass sie alles in kürzester Zeit erreichen können. Totaler Quatsch! Es kommt nicht drauf an, wie schnell du oben bist, sondern wie lange du da bleibst.

Zur Person

Serdar Somuncu, am 03.06.1968 in Istanbul geboren, kam mit knapp eineinhalb Jahren nach Deutschland und machte in seiner neuen Heimat zunächst keine schönen Erfahrungen: In dem katholischen Kinderheim, in dem er einige Monate lebte, fesselten ihn die Nonnen nachts ans Bett. Sein erster Schultag endete damit, dass sein Vater dem Rektor an den Hals sprang, weil dieser seinen Sohn mit anderen türkischen Kindern in eine separate Klasse stecken wollte. Den Widerstand gegen die Ablehnung transformierte Somuncu in Antrieb für seine Kunst. Nachdem er Musik, Schauspiel und Regie studiert hatte, inszenierte er mehr als 100 Theaterstücke, spielte an den Schauspielhäusern in Bochum, Bremen und Oberhausen und in der „Lindenstraße“. Er vertont Hörspiele, schreibt Bücher und macht Musik. Zuletzt veröffentlichte er mit dem Kölner Produzenten und Musiker André Fuchs das Rap-Album „Wir beide“. Bekannt wurde Somuncu vor allem mit seinen szenischen Lesungen aus Hitlers „Mein Kampf“, bei denen er teilweise unter Polizeischutz gestellt wurde, weil er von Neonazis bedroht wurde. In seinem letzten Programm „Der Hassprediger“ rezitierte er die Bild-Zeitung und beschäftigte sich mit ihrer meinungspolitischen Macht. Aktuell ist Somuncu auf Tournee. Termine unter:www.somuncu.de.

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